Ich stehe auf und der Tag beginnt wie immer.
Gedanken sortieren sich automatisch, Abläufe greifen ineinander.
Es funktioniert.

Dieses Funktionieren habe ich gelernt.
Von meinen Eltern.
In der Schule.
Durch das, was ich gesehen, gehört und übernommen habe.

Arbeiten.
Pläne machen.
Etwas aufbauen.
Sich absichern.

So macht man das.
So war es schon immer.

Dieses erste Ich in mir kennt diesen Weg.
Es weiß, wie man sich bewegt,
wie man sich verhält,
wie man durchkommt.

Und lange Zeit hat das gereicht.

Doch seit einiger Zeit
ist da etwas anderes.

Nicht laut.
Nicht plötzlich.
Eher wie ein leiser Zwischenraum,
der vorher nicht da war.

Ein zweites Ich.

Es meldet sich nicht mit Antworten,
sondern mit Empfindungen.
Mit einem Gefühl,
dass zwischen den Momenten etwas nicht stimmt.

Während das erste Ich plant,
spürt das zweite Ich.

Es nimmt Pausen wahr,
Stille,
Blicke,
Räume zwischen den Dingen.

Und es stellt Fragen,
die früher keinen Platz hatten.

Wenn das alles richtig ist –
warum fühlt es sich dann leer an?

Wenn dieses Leben der Weg ist –
warum fühlt es sich nicht lebendig an?

Das erste Ich reagiert darauf mit Vorsicht.
Es erinnert mich daran,
dass Sicherheit wichtig ist.
Dass Stabilität kein Fehler ist.
Dass man nicht alles infrage stellen sollte.

Es hat Angst,
und das ist verständlich.
Es trägt Verantwortung.
Es kennt die Regeln dieser Welt.

Das zweite Ich kennt diese Regeln nicht.
Oder vielleicht erkennt es sie,
aber kann sie nicht mehr einfach übernehmen.

Es will nichts zerstören.
Es will verstehen.

Es will nicht mehr nur funktionieren,
sondern erleben.
Nicht nur denken,
sondern fühlen.

Es spürt,
dass diese Welt mehr ist
als ein Ablauf von Aufgaben
mit gelegentlichen Pausen dazwischen.

Noch weiß es nicht,
was genau es sucht.
Noch kennt es den Weg nicht.

Aber etwas beginnt sich zu formen.

Kein klares Ziel.
Kein Plan.
Eher eine Richtung.

Ich stehe zwischen diesen beiden Ichs.
Zwischen dem, was mich getragen hat,
und dem, was gerade erst entsteht.

Zwischen den Welten.

Und vielleicht ist genau das
der Anfang.

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